Copy & Paste – Bildserie, Zweite Chance für Wand-Deko
Diese Bildserie entsteht auf dekorativem Kunstgewerbe: Landschaftsbildern auf Stickereien und alten Leinwänden, ursprünglich für den Alltagsgebrauch im Wohnzimmer gedacht. Ich kaufe die Vorlagen auf eBay nach einer strikten Regel: ausschließlich Kunstgewerbe, nur Landschaftsmotive und ein maximaler Anschaffungspreis von 20,12 € – und nur dann, wenn mich ein Motiv sofort anspricht, ein Dialog entsteht.
Der Preis von 20,12 € ist eine Hommage an Hobbymaler und das Jahr 2012, als die Rentnerin Cecilia Giménez beim Versuch, ein Jesus-Fresko zu restaurieren, unfreiwillig den ‚Monkey Christ‘ erschuf. Sie schrieb unfreiwillig globale Kunstgeschichte und befeuerte die Geburtsstunde der modernen Meme-Kultur.
In die idyllischen Szenerien füge ich Figuren und Gegenstände ein und erweitere sie um Neue Medien wie Video und Ton. Akteure tauchen in Landschaften auf, spielen Situationen nach, wechseln Zeit und Ort: Antike Geschichten treffen auf die Gegenwart, zeitgenössische Konflikte auf Naturromantik.
Mich interessiert, wie sich Wahrnehmung verändert, wenn Bekanntes leicht verschoben wird – ein Experiment mit Kontexten. Das Übermalen gefundener Bilder findet sich auch bei Künstlern wie Martin Kippenberger, Rachel Harrison oder Sigmar Polke, deren Humor und Sinn für Auseinandersetzung ich teile. Für mich ist das gefundene Bild jedoch nur ein Medium im Bildfindungsprozess.
Truman-Show-Wahn Öl auf Leinwand 59 x 96 cm 2019
Truman-Show-Wahn:
Seit im Jahr 2008 im British Journal of Psychiatry Fälle beschrieben wurden, in denen Patienten überzeugt waren,
sie seien Hauptdarsteller einer Reality-Show, gibt es den „Truman-Show-Wahn“. Diese Menschen glauben, dass jedes ihrer Worte, jede Bewegung aufgezeichnet wird. Sie leben in dem Wahn, Darsteller einer Vollzeit TV-Show zu sein - wie im Film "Die Truman Show“, von Peter Weir aus dem Jahr 1998 und Jim Carrey in der Hauptrolle.
Oil on canvas, 49 x 58 cm, 2025, collage
The starting point of this work is a found amateur landscape painting, whose technical naivety I partly preserve and partly dissect through a painterly lens. In the lower-left corner reigns the "Monkey Christ"—an homage to Cecilia Giménez, who unintentionally co-founded global meme culture in 2012 with her failed restoration of a Jesus fresco. As a "birth defect" of amateur art, this image made art history; here, it functions as a bridge between sacred iconography and digital slapstick.
Mounted above the figure is a photographic cutout of a selfie arm holding a smartphone. The arm breaks through the pictorial space, protruding "physically" from the painting—a reference to the visual strategies of Medieval and Early Modern painting, where optical illusions were used to feign perfection, naturalism, and spatial depth while unsettling the viewer’s gaze. This tradition stands qualitatively and conceptually at the opposite end of amateur painting. The "Monkey Christ’s" selfie arm overlays religious iconography with contemporary self-staging.
While Rubens' celebrating company wallows in timeless opulence in the background, the Baroque scene is infiltrated by artifacts of the modern "fun society": plastic bags drift through the Arcadian landscape, balloons adorn the horizon, drunken figures block the view into the (painterly) depth, and birds fight over trash. An abyss opens up in front of the house in the background.
In the interplay with the naked, celebrating bodies, the work touches upon current sociological debates regarding body shaming and the ambivalent relationship with nudity. While nudity is often problematized or tabooed today—out of concern that it might have a traumatizing effect—scientific studies simultaneously show that communal nudity can strengthen self-confidence. The reference ranging from Rubens' voluptuous depictions of the body to selfies and contemporary photography, which attempts to depict bodies beyond conventional beauty standards in a "norm-critical" way, makes these tensions visible and negotiates them between art history, pop culture, and the present.
Research Note: This visual investigation is flanked by findings from Goldsmiths University, which indicate that communal nudity significantly improves body image. Anyone who lingers long enough in front of this painting could theoretically save themselves their next wellness retreat—science and the Baroque working hand in hand for collective self-esteem. The effect is attributed to the fact that confrontation with "real," non-retouched bodies invalidates the unrealistic beauty ideals of the media.
Nudity as Justification: The fact that art often has to justify nudity to an audience highlights how distanced our relationship with the body has become—a parallel to the sterile aesthetics of the 18th and 19th centuries. In art, however, nudity is far more than a sexual subject; it remains an existential symbol for the natural state of being without a social mask, for a fundamental vulnerability to external forces (or fate), and for an unadulterated sincerity beyond status symbols.
Despite digital censorship and the pressure for perfection, there is hope for a new "Body Neutrality": a state in which bodies are not merely judged but accepted as living vessels. Art can help to "de-pornographize" nudity and rehabilitate the imperfect as the ultimate expression of authenticity. Returning to the reality of the naked body—perhaps the most honest form of our existence.
Bürgerliche Lustspiele nach Peter Paul Rubens
Ausgangspunkt der Arbeit ist ein gefundenes Hobbymaler-Landschaftsbild, dessen handwerkliche Unbedarftheit ich teils konserviere, teils malerisch seziere. In der linken unteren Ecke thront der „Monkey Christ“ – eine Hommage an Cecilia Giménez, die 2012 durch eine missglückte Fresko-Restaurierung unfreiwillig die globale Meme-Kultur mitbegründete. Als „Geburtsfehler“ der Laienkunst schrieb das Bild Geschichte; hier fungiert es als Brücke zwischen sakraler Ikonografie und digitalem Slapstick.
Über der Figur ist ein fotografischer Ausschnitt eines Selfie-Arms mit Smartphone montiert. Der Arm durchbricht den Bildraum und ragt „echt“ aus dem Gemälde heraus – eine Anlehnung an Bildstrategien der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Malerei, in denen optische Illusionen gezielt eingesetzt wurden, um Perfektion, Naturimitation und räumliche Tiefe vorzutäuschen und den Blick der Betrachter zu irritieren. Diese Tradition steht qualitativ und konzeptionell auf der gegenüberliegenden Seite der Hobbymalerei. Der Selfie-Arm des Jesus-Affen überlagert sich mit religiöser Ikonografie und zeitgenössischer Selbstinszenierung.
Während Rubens’ feiernde Gesellschaft im Hintergrund in zeitloser Opulenz schwelgt, wird die barocke Szenerie durch Artefakte der modernen Spaßgesellschaft infiltriert: Plastiktüten wehen durch die arkadische Landschaft, Luftballons zieren den Horizont, trunkene Figuren versperren den Blick in die (malerische) Tiefe und Vögel streiten sich um Abfall. Ein Abgrund öffnet sich vor dem Haus im Hintergrund.
Im Zusammenspiel mit den nackten, feiernden Körpern berührt die Arbeit auch aktuelle soziologische Debatten um Body Shaming und den ambivalenten Umgang mit Nacktheit. Während Nacktheit heute häufig problematisiert oder tabuisiert wird – etwa aus der Sorge heraus, sie könne traumatisierend wirken –, zeigen wissenschaftliche Studien zugleich, dass gemeinschaftliche Nacktheit das Selbstbewusstsein stärken kann. Der Bezug von Rubens’ üppigen Körperdarstellungen über Selfies hin zur zeitgenössischen Fotografie, die versucht, Körper jenseits gängiger Schönheitsnormen „normkritisch“ abzubilden, macht diese Spannungen sichtbar und verhandelt sie zwischen Kunstgeschichte, Popkultur und Gegenwart.
Recherche-Notiz: Flankiert wird diese bildnerische Untersuchung durch die Erkenntnis der Goldsmiths University, dass gemeinschaftliche Nacktheit das Körperbild signifikant verbessert. Wer also lange genug vor diesem Bild verweilt, spart sich theoretisch den nächsten Wellness-Urlaub – Wissenschaft und Barock arbeiten hier Hand in Hand für das kollektive Selbstwertgefühl. Der Effekt wird darauf zurückgeführt, dass die Konfrontation mit „echten“, nicht-retuschierten Körpern die unrealistischen Schönheitsideale der Medien entkräftet.
Nacktheit als Rechtfertigung: Dass Kunst Nacktheit oft vor Publikum rechtfertigen muss, zeigt auf, wie distanziert unser Verhältnis zum Körper geworden ist – eine Parallele zur sterilen Ästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts. In der Kunst ist die Nacktheit jedoch weit mehr als ein sexuelles Sujet; sie bleibt ein existenzielles Symbol für den Naturzustand des Menschen ohne soziale Maske, für eine fundamentale Verletzlichkeit gegenüber dem Schicksal und für eine unverfälschte Aufrichtigkeit jenseits aller Statussymbole.
Trotz digitaler Zensur und Perfektionszwang gibt es Hoffnung auf eine neue „Body Neutrality“: ein Zustand, in dem Körper nicht nur bewertet, sondern als lebendige Gefäße akzeptiert werden. Kunst kann helfen, Nacktheit zu „ent-pornografisieren“ und das Unperfekte als ultimativen Ausdruck von Echtheit zu rehabilitieren. Zurück zur Gegebenheit des nackten Körpers – der vielleicht ehrlichsten Form unserer Existenz.
Damals
Öl auf Stickbild, 2019
40 × 40 cm
Werk und Song (You Are Andy Warhol) entstanden aus gegensätzlichen Reaktionen auf die Serie Copy & Paste. Einige sahen die Wiederverwertung von Gebrauchskunst als Pop Art Fortführung. Teils kam es zu persönlichen Zuschreibungen – bis Beschimpfung als „Nazi“ oder dem gegenteiligen „Kompliment“, ein deutscher Andy Warhol zu sein.
Das Spiel mit „deutschen Idyllen“ und mythologischen Motiven wie Siegfried dem Drachentöter erweist sich als ambivalent. Dabei stellt sich die Frage nach der Inflation von Begriffen – und von Bildern. Wie schnell lesen wir Bilder, laden sie auf oder vereinnahmen – wie stark bestimmen Erwartungen und Projektionen unsere Wahrnehmung?
This body of work is created on decorative folk art: landscape embroideries and vintage canvases originally intended for domestic living rooms. I acquire these found objects via eBay following a strict protocol: exclusively mass-produced art, landscape motifs only, and a maximum purchase price of €20.12—applied only when a motif sparks an immediate dialogue.
The price of €20.12 is a tribute to amateur painters and the year 2012, when retiree Cecilia Giménez unintentionally created the 'Monkey Christ' while attempting to restore a fresco. She inadvertently made global art history and fueled the birth of modern meme culture.
Within these idyllic settings, I intervene by adding figures and objects, expanding the works through new media like video and sound. Actors appear in landscapes, reenact situations, and shift through time and space: ancient narratives encounter the present; contemporary conflicts meet natural romanticism.
I am interested in how perception shifts when the familiar is slightly displaced—an experiment with contexts. The practice of overpainting found images is shared by artists such as Martin Kippenberger, Rachel Harrison, and Sigmar Polke, whose sense of irony and engagement I share. For me, however, the found image remains a medium within the process of image-finding.
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Siegfried • Serie: Copy and Taste Recycling Remixes
Öl auf Karton 2019, 50 x 35 cm
Der Königssee ist ein weit verbreitetes Motiv der dekorativen Malerei – vielfach kopiert, leicht variiert, oft für den Weiterverkauf gedacht.
Die Klangcollage ist frei assoziiert. Sie setzt sich aus Fragmenten von Erinnerungen und digitalen Fundstücken zusammen.
Post-Pop-Hear`os • Die Postheroische Gesellschaft
Öl auf Stickbild 2019, 80 x 60 cm
Audio Samples:
Movie Scene - Spartacus (1960)
David Foster Wallace - This Is Water/Commencement Speech
Ronald Regan - Patriotic Speech
Jimi Hendrix - Machine Gun
Tamar Braxton - Love and War
Movie Scene - This Means War
Felix Mendelssohn - War March Of The Priests
Bildserie Non Fictional Acts, 2011 - 2016
Öl auf Leinwand, Formate 40 bis 200 Centimeter
Diese Werkgruppe bildet einen Gegenpol zu meinen naturbezogenen, sachlichen Arbeiten.
Statt Beobachtung stehen hier gesellschaftliche Dekonstruktion, Setzung und Fragmentierung im Vordergrund. Die Arbeiten sind freier, experimenteller, abstrakt oder bewusst banal.
Fiktion verstehe ich dabei nicht als Gegensatz zur Wirklichkeit, sondern als Filter: als Möglichkeit, gesellschaftliche, kulturelle und persönliche Themen neu anzuordnen, miteinander zu verknüpfen und zu betrachten – als Methode der Erkenntnis.
Meine Werkzeuge sind Humor, Erzählung und Kontextualisierung, ebenso wie Bedeutung und Verschleierung.
„Jan Böttcher greift eine Form des narrativen Realismus auf, in der sich soziale Themen mit grotesken und fantastischen Elementen verbinden. Die Szenen erinnern an Rituale, in denen rätselhafte Objekte oder nichtmaterielle Erscheinungen in die moderne Realität eingefügt werden.“
— Marcel Fišer, 2016
„A confident and entertaining narrative, aware of its own exaggeration and ambiguity.“
— Pavel Vančát, 2013